Mit der Einführung der Werkrealschule soll das dreigliedrige Schulsystem durch ein "Fitnessprogramm" für die angeschlagenen Hauptschulen saniert, das heißt im Grundsatz unverändert erhalten werden. Entgegen den Ankündigungen der Landesregierung, sich im Bildungsbereich verstärkt zu engagieren, ist die Sanierung vor allem der Versuch, Kosten einzusparen: Die Forderung der Zweizügigkeit der Werkrealschule wird zur - erwünschten - Schließung von kleinen Hauptschulen auf dem Land führen. Der Verantwortung für die konkreten Schulschließungen entzieht sich die Landesregierung. Die Entscheidungen werden auf uns, den Gemeinderat als Vertreter des Schulträgers abgewälzt.
Es gab ähnliche Sanierungsversuche in der Vergangenheit, wie zum Beispiel die Einführung der "Hauptschule mit Werkrealschule". Experten bezweifeln die Nachhaltigkeit solcher Maßnahmen und prognostizieren ein erneutes Scheitern. Wir fordern deshalb eine grundsätzliche Änderung des Schulsystems. Das selektive dreigliedrige Schulsystem soll zugunsten eines integrativen Schulsystems im Sinne eines längeren gemeinsamen Lernens geändert werden. Kinder und Jugendliche sollen in Leutkirch, wie in Europa - außerhalb Deutschlands - üblich, länger gemeinsam miteinander und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden.
Die Schüler nach 4 Jahren Grundschule im Alter von 10 Jahren zu selektieren bringt Konsequenzen für Kinder und Eltern mit sich, die wir für kritisch halten. Die Stigmatisierung der Schwächsten im dreigliedrigen Schulsystem ist mit den Anforderungen am Arbeitsmarkt nicht mehr begründbar. Die Handwerkskammern beklagen die abnehmende Ausbildungsfähigkeit der Schulabgänger. Die deutsche hierarchische Dreigliedrigkeit ist ungerecht: In keinem anderen europäischen Land besteht ein so enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulabschluss. Außerdem besteht ein Leistungsproblem, wie wir seit PISA wissen: Untersuchungen zeigen, dass leistungsgemischte Lerngruppen leistungshomogenen überlegen sind und schwachen und starken Schülern zusätzliche Lernanreize bringen.
Die oben beschriebenen Defizite werden durch die neue Werkrealschule nicht behoben werden.
Längeres gemeinsames Lernen bedeutet für Leutkirch konkret: Einige gefährdete Schulstandorte auf dem Land könnten erhalten bleiben. Die Schule vor Ort könnte - als kultureller Mittelpunkt einer Gemeinde - ihre immer mehr an Bedeutung gewinnende integrierende Funktion ausbauen. Wohnortnahe Bildungsangebote sind für die Lebensqualität im Ländlichen Raum und als Standortfaktor von großer Bedeutung und wirken Abwanderungstendenzen entgegen. Wir dürfen diesen Standortfaktor der ländlichen Gemeinden nicht aufs Spiel setzen.
Ein Teil der Verantwortung für ein gerechteres und leistungsfähigeres Schulsystem für unsere Kinder haben wir als Vertreter des Schulträgers heute selbst in Händen.
Ein Modellprojekt für einen Schulversuch in Leutkirch wird von der Stadt und dem Gemeinderat gemeinsam mit den Schulen, dem Staatlichen Schulamt, dem Regierungspräsidium (Abteilung Bildung), dem Gesamtelternbeirat und den Teilgemeinden ausgearbeitet. Ziel des Schulversuchs ist ein integratives Schulsystem, in dem Kinder und Jugendliche länger gemeinsam miteinander und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden.
Ein Modellentwurf soll in mehreren Schritten erarbeitet werden:
Erster Schritt ist die Klärung der Vorraussetzungen für diesen Schulversuch in Leutkirch in einem Grundlagenpapier:
Das Grundlagenpapier soll in enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Schulentwicklung im Städtetag Baden-Württemberg ausgearbeitet werden. Das Grundlagenpapier soll dem Gemeinderat (bzw. dem zuständigen beschließenden Ausschuss) im Frühjahr 2010 vorgelegt werden.
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