
20 Leutkircher konnten sich am vergangenen Samstag in Weyarn ein Bild davon machen, was dabei herauskommt, wenn die Bürger die Stadtentwicklung mal selbst in die Hand nehmen. Dies wurde bei einer Besichtigungsfahrt des Bürgerforums Abel vom Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde, Michael Pelzer, eindrucksvoll präsentiert. Weyarn ist eine von 13 Kommunen, die sich zum Netzwerk "Civitas" zusammengeschlossen haben. In diesem Städtenetzwerk wurden 13 Kommunen, unter anderem auch Ulm und Bremen, zum Thema bürgerorientierte Kommune aktiv. In Weyarn kann inzwischen schon einiges vorgezeigt werden. So waren die Leutkircher Gäste beeindruckt von dem, was die Bürger eigenverantwortlich auf die Beine gestellt haben. Bürgermeister Pelzer und Ernst Weidl, der Vertreter des Civitas-Netzwerks, führten durch die Gemeinde. Der Neubau einer Grund- und Hauptschule, ein Dorfladen, eine Bücherei, ein Kinderspielplatz und ein neugestalteter Dorfplatz wurden gezeigt. "Alles Projekte, die beweisen, was entsteht, wenn man Bürgerbeteiligung zulässt", so Bürgermeister Pelzer.
Wenn in Leutkirch der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet wird, dann beauftragt die Stadt einen Architekten, der dem Gemeinderat Vorschläge unterbreitet. Nicht so in der bayrischen Gemeinde Weyarn: Hier sind es nicht nur Verwaltung und Gemeinderat, sondern auch die Bürger selbst, die die Stadtentwicklung in die Hand nehmen. Beispiel Dorfplatz: Der war deutlich in die Jahre gekommen, einige Flächen waren gekiest, andere geteert, nichts, worauf ein Bewohner stolz sein kann. Also hatte sich eine Gruppe von Bürgern zusammengesetzt und überlegt, was man von einem Platz mitten im Ort erwartet.
Die Gemeinde stellt solchen Planungsgruppen ein Budget zur Verfügung, mit dem sie sich auch professionelle Hilfe für die Planung holen können. Ergebnis: Der Platz soll gepflastert und dabei optisch gegliedert werden. Aber weder Architekt noch Verwaltung noch Gemeinderat entscheiden, wie der Platz gepflastert wird, sondern vor dem Rathaus werden Muster für eine mögliche Bepflasterung ausgelegt, so dass die Bürger selber entscheiden dürfen, welches Pflaster sie gerne hätten. Und die Kosten? "Die Bürger sind sehr kostenbewusst. Wenn sie hören, wie teuer ein Pflaster ist, dann ist das günstigere plötzlich ebenso schön", meint Bürgermeister Pelzer. Beim Neubau der Grundschule vor einigen Jahren konnte über eine Million Euro eingespart werden, weil Schüler, Eltern und Lehrer von Anfang an in das Projekt einbezogen waren. Bei vielen Vorschlägen des Architekten sind sie auf kostengünstigere Alternativen gekommen und haben trotzdem ihre Vorstellungen einer Schule verwirklichen können.
Das Beteiligungsmodell ist in der Gemeindeordnung Weyarns genau geregelt. Die Bürger haben ein Recht darauf, Arbeitskreise zu gründen, sind dabei aber auch an Regeln gebunden. So muss jeder Arbeitskreis einen Sprecher haben, die Sitzungen müssen für alle Bürger öffentlich sein, und ein Ergebnisprotokoll muss an die Verwaltung gehen, damit diese alle Aktivitäten koordinieren kann. Andererseits haben die Arbeitskreise das Recht auf ein Planungs-Budget. Letztendlich entscheidet der Gemeinderat, ob die geplante Maßnahme umgesetzt werden kann. Die Kosten für das Budget, so die Erfahrung Pelzers, werden durch Eigenleistungen wieder eingespart. "Der Gemeinderat muss zwar Macht abgeben, gewinnt aber Freiheit, denn wenn die Bürger sich das Pflaster schon selber aussuchen dürfen, können sie sich hinterher nicht beim Gemeinderat beschweren", sagt Michael Weidl, der selbst Gemeinderat ist.
"Viele Bürger haben ein Gebiet, auf dem sie sich einbringen möchten und können, die Gemeinde muss sich diese Kompetenzen zunutze machen", meint Weidl. Im Durchschnitt sind von den 3.300 Einwohnern Weyarns ständig zwischen 60 bis 200 Bürger in Arbeitskreisen tätig. "Das ist für uns inzwischen selbstverständlich geworden", sagt Bürgermeister Pelzer, "so ist das halt bei uns". Die Besucher aus Leutkirch waren vom Ergebnis sichtlich beeindruckt. "Wir würden uns wünschen, dass solche positiven Beispiele bei uns Schule machen und wir im Leutkircher Rathaus hierfür Interesse wecken können. Gerade beim anstehenden Thema der Stadtentwicklung in Leutkirch fordern wir, die Bürger zu beteilige", so Christine Schneider, die Vorsitzende des Bürgerforum Abel.